
Die Einsprachefrist ist abgelaufen, 16 Einsprachen liegen vor, und der Zwist um das geplante V-Bahn-Projekt geht weiter. Naturschutzverbände und Einheimische kritisieren die Jungfraubahnen besonders für den Streckenverlauf des Eiger-Express von Grindelwald-Grund zum Eigergletscher und wünschen sich, dass ihr vorgeschlagener Plan B – eine alternative Route mit einer Zwischenstation im Arvengarten – geprüft wird. Sie argumentieren mit einem «schwerwiegenden Eingriff in das Landschaftsbild» und betonen, «der Blick auf die weltberühmte Eigernordwand würde massiv beeinträchtigt werden.»

Als Beleg dafür präsentieren die Gegner des Projektes auf ihrer Homepage www.eigerexpress-verhindern.ch eine Visualisierung. Diese hat jüngst mit Einzug in eine Pressemitteilung der Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness gehalten. Die Quelle: die Scheidegg Hotels AG, deren Geschäftsführer Andreas von Almen ist. Von Almen und der Verband stellen die Visualisierung der geplanten Streckenführung und des vorgeschlagenen Plans B zum Download bereit und veröffentlichten einen offenen Brief an die Verantwortlichen bei den Jungfraubahnen. Dort wurde nun CEO Urs Kessler aktiv, um zu belegen, dass die Visualisierung den Eiger-Express vor dem Bergmassiv in falschen Dimensionen darstellt. Kessler moniert, er habe von Almen bereits mehrfach auf die fehlerhafte Darstellung hingewiesen, dieser veröffentliche sie aber weiterhin.
Urs Kessler liess nun seinerseits eine Visualisierung erstellen und von Fachpersonen des auf Visualisierungen spezialisierten Unternehmens Architron prüfen. «Unsere Visualisierungen basieren auf aktuellen Fotos vom 20. Mai 2016. Sie sind vom selben Standort aus aufgenommen worden wie diejenigen von von Almen. Unsere Visualisierungen basieren zudem auf der Aussteckung für die Publikation», betont er. Und weiter: «Damit ist der Beweis zu 100 Prozent erbracht, dass seine Visualisierungen nicht korrekt sind.» Die beiden Masten seien bei von Almens Darstellung doppelt so hoch, wie das tatsächlich der Fall sei. Gemäss den Unterlagen der Gutachten, die dieser Zeitung vorliegen, wird Masten 6 23 Meter und Masten 7 34 Meter hoch. «Bei von Almen sind sie ungefähr 46 und 68 Meter hoch», betont Kessler. Und er ergänzt: «Es ist auch in unserem Interesse, dass die Masten möglichst tief ausfallen.»
Beidseitiger Vorwurf der Manipulation
Er wirft von Almen deshalb «bewusste Manipulation» vor. Von Almen spielt den Ball zurück: «Zum Thema 'Manipulation' oder 'wie zeige ich etwas Hässliches am schönsten?' ist jedem der Werbefilm der Jungfraubahn Holding zu empfehlen: der Eiger-Express ist dort im heiklen oberen Teil fast unsichtbar.» Seine Visualisierung, sagt er, basiere auf zugänglichen Informationen der Jungfaubahn Holding (JBH) und den im Oktober 2013 über den Massenstandorten aufgespannten Ballonen.

«Aber Urs Kessler sollte nicht vom Thema ablenken. Es geht doch darum, dass die direkte Linienführung vor allem im oberen Teil der Strecke ein schwerer Eingriff in das einmalige und darum weltbekannte Naturbild bedeutet, von dem auch die JBH bis dato sehr gut lebt», unterstreicht Andreas von Almen. Das sei mit einer geknickten Linienführung, wie im Plan B vorgesehen, weitgehend zu vermeiden, und für den lokalen Tourismus sei diese Variante auch förderlicher. Kessler hält dem Plan B entgegen, dass dieser bereits vor zwei Jahren von der Firma Ecoptima mittels eines unabhängigen Grundlagenberichts geprüft worden ist. Dieser war auch Bestandteil des Gutachtens der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK), welches sich positiv für die direkte Linienführung aussprach.
Für Umweltverbände ändert sich nichs
«Die Frage nach der richtigen Visualisierung, kann nur mit einer 1:1-Bauprofilierung im Gelände beantwortet werden, wie auch bei jedem Chalet üblich, um das wahre Ausmass der 3S-Bahn wahrheitsgetreu zu zeigen», meint von Almen. Nur so könne man sich ein Bild von der Seilspurbreite von über zehn Metern, Mastenhöhen bis oder über 60 Metern und Mastenfundamentflächen der Grösse des Hotels Jungfrau auf der Wengernalp machen. Kessler entgegnet, dass das nichts ändern würde: «Unsere Visualisierung beruht auf der Aussteckung bei der Baubewilligung.» Beim von von Almen erwähnten 60 Meter hohen Masten handelt es sich um einen im unteren Bereich – nicht um Masten 6 oder 7.

Die Nachfrage bei den Umweltverbänden ergab, dass sich betreffend Einsprachen eine andere Visualisierung nichts ändert. Hans Fritschi, Vizepräsident von Pro Natura Berner Oberland, verweist auf Folgendes: «Die Einsprache bezieht sich nicht auf eine Visualisierung von Dritten.» Ein Jurist des Verbandes habe die Situation vor Ort beurteilt, und aufgrund seiner Einschätzungen hat Pro Natura Bern, Pro Natura Schweiz und die Stiftung Landschaftsschutz ihre gemeinsame Einsprache gegen den Eiger-Express eingereicht. Fritschi ergänzt, dass sich die Jungfraubahn und die Wengeralp-Bahn bisher gut in das Landschaftsbild eingegliedert hätten. Mit der «Wäscheleine vor der Eiger-Nordwand» sei das aber nicht mehr der Fall.
Dass ihr Anliegen nur von menschlichem aber nicht genuin landschaftlichem Interesse sei, dagegen wehrt sich Fritschi: «Die Einsprache ist konform mit unseren Statuten, die unter anderem die Erhaltung einmaliger Landschaften fordern.» Denn beim Blick von der Kleinen Scheidegg zur Eigernordwand präsentiere sich einem derzeit noch die unberührte Natur.


