Lauterbrunnen | 21. Juni 2013
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«Es werden immer mehr»

15'000 bis 20'000 Sprünge absolvierten die Basejumper im vergangenen Jahr im Lauterbrunnental. Tendenz steigend. Bei der Gemeinde Lauterbrunnen ist man gegenüber den Springern «neutral eingestellt.» Ein Verbot steht nicht zur Debatte.
von Patrick Gasser
Basejumper Stéphane (37) bereitet sich bei der Absprungstelle High Ultimate in Mürren auf seinen Sprung vor. Der Franzose verzichtet auf einen Helm.
Basejumper Stéphane (37) bereitet sich bei der Absprungstelle High Ultimate in Mürren auf seinen Sprung vor. Der Franzose verzichtet auf einen Helm.Fotos: Patrick Gasser

Es ist Sommer im Lauterbrunnental. Die Sonne brennt vom Himmel und die 72 Wasserfälle im Tal führen wegen der Schneeschmelze viel Wasser. Eine Gruppe asiatischer Touristen wartet vor dem Schalter der Schilthornbahn in Stechelberg auf ihre Tickets. Der Parkplatz ist beinahe voll. Zwischen den parkierten Autos marschieren drei Männer. Einer mit einer langen blonden Mähne, zwei weitere mit kurzen Haaren. Sie lachen. In ihrer Hand hält jeder einen zusammengerollten Fallschirm. Ihre Kleidung irritiert die Asiaten, welche vor dem Schalter warten. Die drei Männer sehen aus wie menschgewordene Gleithörnchen. Dank ihren Wingsuits können die Basejumper nach dem Absprung einige Sekunden durch die Luft gleiten. Die Tragflächen unter den Armen und zwischen den Beinen verleihen ihnen Auftrieb. Pièrre holt aus seinem Campingbus eine graue Plastikplane. Darauf breitet jeder seinen Schirm aus. Ohne Zeitdruck und mit viel Fingerspitzengefühl packen die drei ihre Schirme. Geredet wird dabei nicht. «Ich lasse mich beim Packen nicht stressen», erklärt Stéphane. Der 37-jährige Informatiker aus Paris kam zusammen mit Pièrre (29) aus Chamonix für ein paar Tage ins Lauterbrunnental. Das Basejumpen verbindet die Gruppe, zu denen auch der 24-jährige Tahitianer David, der Mann mit der langen blonden Mähne, gehört. David ist seit einem Monat im Lauterbrunnental. Nach dem Studium gönnt er sich eine Auszeit, wie er nach dem Packen lachend erklärt. Je nach Wetter macht die Gruppe pro Tag drei bis sechs Sprünge zusammen. Gleich neben den Franzosen breitet eine Gruppe junger Kalifornier ihre Plastikplane aus. «Das Lauterbrunnental ist das Mekka für uns Basejumper», sagt einer der Gruppe, der sich selbst «Strighter» nennt. Der 22-Jährige begann vor anderthalb Jahren mit dem Basejumpen, weil er eine neue Herausforderung suchte. «Es ist grossartig, dass man hier überall springen darf», meint Strighter. Zu Hause in Kalifornien ist Basejumpen verboten. In den gesamten USA gibt es laut Strighter nur eine Hand voll Gebäude, Sendemasten, Brücken und Felsen, von denen man springen darf. «Hier in Europa seid ihr lockerer drauf», sagt er, während er die Seile seines Fallschirms entwirrt.

Der 22-jährige Kalifornier nennt sich «Strighter». «Das Lauterbrunnental ist das Mekka für Basejumper», sagt er. Zu Hause in den USA ist Basejumpen fast nirgends erlaubt.
Der 22-jährige Kalifornier nennt sich «Strighter». «Das Lauterbrunnental ist das Mekka für Basejumper», sagt er. Zu Hause in den USA ist Basejumpen fast nirgends erlaubt.
Medien verbreiten falsches Bild

Basejumpen wird in absehbarer Zeit im Lauterbrunnental nicht verboten werden. «Es braucht aus heutiger Sicht kein Verbot», meint Lauterbrunnens Gemeindeschreiber Toni Graf. «Sonst müsste man ja auch Töfffahren auf den Pässen oder Bergsteigen verbieten«, so Graf, der in seiner Freizeit gerne mit dem Motorrad unterwegs ist. Die Medien hätten in der Vergangenheit oftmals ein falsches Bild verbreitet: «Es ist nicht so, dass wir in Lauterbrunnen gegen das Basejumpen sind.» Die Gemeinde unterstütze zwar nicht, was die Ikarusse der Moderne tun, aber man sei gegenüber dem Basejumpen «neutral eingestellt». Schliesslich sind die Basejumper auch Gäste. Jedes Jahr kommen mehr Basejumper ins Lauterbrunnental. Graf schätzt, dass letztes Jahr zwischen 15'000 und 20'000 Sprünge durchgeführt wurden. Vier endeten tödlich.

Pièrre, Stéphane und David (vlnr) auf dem Weg zur Absprungstelle «High Ultimate». Von der Gondelstation in Mürren ist diese in nicht einmal 10 Minuten erreicht.
Pièrre, Stéphane und David (vlnr) auf dem Weg zur Absprungstelle «High Ultimate». Von der Gondelstation in Mürren ist diese in nicht einmal 10 Minuten erreicht.
«Death Valley»

«In Frankreich sind die meisten Sprünge mit einem anderthalbstündigen Aufstieg verbunden», sagt Pièrre. Sein Geld verdient er bei der französischen Telecom. Er steigt zusammen mit Stéphane und David in Mürren aus. In weniger als zehn Minuten erreicht das Trio die Absprungstelle «High Ultimate». «Die gute Erreichbarkeit ist neben der wunderschönen Landschaft der Hauptgrund dafür, dass die Basejumper zu uns kommen», mutmasst Gemeindeschreiber Toni Graf. Die meisten anderen beliebten Anziehungspunkte für Basejumpen befinden sich an eher abgelegenen Orten. Das Lauterbrunnental ist besiedelt. In Stechelberg können daher die Schüler den Basejumpern zuschauen. Nicht alle landen sicher auf dem Boden. Der Belgier Thierry van Roy war am 2. April 2001 der erste Basejumper, der in Stechelberg, unterhalb der senkrechten Felswände, zerschellte. Ihm folgten bis heute im Lauterbrunnental 32 weitere Basejumper in den Tod. 2013 waren es schon zwei.

Basejumper Stéphane an der Absprungstelle «High Ultimate». Tief unten liegt Stechelberg, wo er mit seinem Fallschirm auf einer Wiese landen will.
Basejumper Stéphane an der Absprungstelle «High Ultimate». Tief unten liegt Stechelberg, wo er mit seinem Fallschirm auf einer Wiese landen will.

Das «Blinc Magazine» veröffentlicht im Internet eine Liste mit allen verunglückten Basejumpern. William Harmon war 1981 der erste, der für sein gefährliches Hobby mit dem Leben bezahlte. Bis Mitte 2013 starben laut der «Base Fatality List» über 200 Menschen beim Basejumpen. 16 Prozent davon bei Sprüngen im Lauterbrunnental. Dies brachte dem Tal der 72 Wasserfälle den makaberen Beinamen «Death Valley».

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass im Schnitt drei Basejumper pro Jahr im Lauterbrunnental tödlich verunglücken.
Ein Blick in die Statistik zeigt, dass im Schnitt drei Basejumper pro Jahr im Lauterbrunnental tödlich verunglücken.
Zunahme wegen Internetvideos

Stéphane kommt schon seit vier Jahren ins Lauterbrunnental. In dieser Zeit habe sich hier einiges verändert: «Es kommen eindeutig mehr Springer als früher», meint der erfahrene Basejumper aus Paris. «Videos im Internet animieren viele, es selber mal zu versuchen.» Ein führender Vermarkter von Energydrinks entdeckte die Basejumper schon vor Jahren als Werbeträger. Die waghalsigen Sprünge passen gut zum Firmenslogan.

Stéphane springt von der Absprungstelle «High Ultimate». Nach ein paar Sekunden freiem Fall zieht er den Schirm und landet sicher auf einer Wiese in Stechelberg.
Stéphane springt von der Absprungstelle «High Ultimate». Nach ein paar Sekunden freiem Fall zieht er den Schirm und landet sicher auf einer Wiese in Stechelberg.
«Es gibt Regeln»

Bei der Absprungstelle «High Ultimate» angekommen, trifft das Trio aus Frankreich und Tahiti auf weitere Springer. Sie kontrollieren noch einmal ihre Ausrüstung. Während David und Pièrre noch einige Meter entlang des Abgrunds zu ihrer Absprungstelle laufen, bleibt Stéphane stehen. David und Pièrre tragen einen Helm. Pièrre schaltet die auf Davids Helm montierte Kamera an, um den Sprung festzuhalten (siehe WebTV). Dann springt Stéphane. Nach einigen Sekunden freiem Fall zieht er den Schirm. Er steuert seinen Fallschirm in eine Gasse, die der Bauer offenbar für die Basejumper in sein Feld gemäht hat. Links und rechts neben der Landestelle liegt Heu. «Es kann vorkommen, dass einige der Springer durch das hohe Gras gehen. Das mögen die Bauern gar nicht», sagt Stéphane nach der Landung. «Aber es gibt Regeln. Wir Springer kennen und respektieren diese. Schwarze Schafe gibt es aber auch unter den Basejumpern.» Man kenne sich aber gut. Die Basejumper-Gemeinde im Lauterbrunnental ist klein. «Wenn wir sehen, dass sich jemand nicht an die Regeln hält, sagen wir ihm schon die Meinung», ergänzt Stéphane.

Manche Springer tragen einen Wingsuit. Der Anzug gibt ihnen Auftrieb, sodass sie länger in der Luft bleiben können.
Manche Springer tragen einen Wingsuit. Der Anzug gibt ihnen Auftrieb, sodass sie länger in der Luft bleiben können.
Dialog zwischen Gemeinde und Basejumper

Gemeindevertreter von Lauterbrunnen suchten schon vor Jahren den Kontakt mit den Basejumpern. Gemeinsam wurden Verhaltensregeln ausgearbeitet. Informationstafeln informieren die Springer. Vor dem Sprung greifen David, Stéphane und Pièrre zum Telefon, um die Air-Glaciers-Basis in Lauterbrunnen zu informieren, dass sie springen. Damit soll ein gefährliches Aufeinandertreffen zwischen den Basejumpern und Helikoptern verhindert werden. Zu gewissen Tageszeiten ist der Luftraum nur für die Gleitschirmflieger freigegeben. Gemeindeschreiber Toni Graf wünscht sich, dass sich die Basejumper in Zukunft noch besser organisieren. Zwar gibt es bereits die «Swiss Base Association», doch diese kann fehlbare Basejumper nicht belangen. Weitere Treffen mit den Vertretern der Basejumper werden in Zukunft sicher folgen. Allerdings ohne die damals Anwesenden Ueli Gegenschatz und Markus Wyler. Gegenschatz verunglückte bei einem Sprung von einem Hochhaus in Zürich tödlich. Markus Wyler fand den Tod beim Basejumpen im Lauterbrunnental.